Über den AK UniWatch

Wir sind der AK UniWatch und unser Name ist Programm!

Im Juni 2009 gründete eine Gruppe Schwarzer, People of Color* und weißer Studierender den Arbeitskreis “UniWatch – Gegen Rassismus in unseren Räumen!“.

Unser Ziel: Gemeinsam und entschlossen dem alltäglichen Rassismus an deutschen Universitäten entgegentreten.

Den Anstoß für die Zusammenarbeit lieferte ein rassistischer Vorfall an der Freien Universität Berlin im Sommersemester desselben Jahres. Im Zuge unserer darauf folgenden Aktionen haben wir festgestellt: Wenn sich die Energien und Potentiale einer größeren Gruppe von Student_innen bündeln, dann werden sie im Kampf gegen Rassismus weitaus ernster genommen als im individuellen Protest.  Wir setzen uns für die gleichberechtigte Partizipation von People of Color und Schwarzen in akademischen Räumen und in den Wissenschaften ein.

Über Rassismus

Rassismus beginnt nicht erst dann, wenn Menschen aufgrund angeblicher „Merkmale“ als „höher-“ oder „minderwertig“ beurteilt werden. „Rassismus ist nicht erst die negative Reaktion auf einen angeblichen Unterschied, sondern bereits die Behauptung des Unterschieds.“ (Noah Sow, 2009:78) Die angeblichen „Unterschiede“ basieren auf weißen Konstruktionen, die im Rahmen rassistischer Macht- und Gewaltverhältnisse entstanden sind und enorme und andauernde Wirkung entfaltet haben. Biologisierende und kulturalistische Konstruktionen sind dabei miteinander verwoben.

Es gibt keinen „umgekehrten“ Rassismus (Weiße werden nicht wegen ihres Weißseins unterdrückt!). Rassistische Strukturen sind als Macht- und Herrschaftsinstrument zu verstehen. Die hegemonial-dominante Gruppe kann nicht rassistisch unterdrückt werden, sie sind diejenigen, von denen Rassismus als „nationale“ und/oder globale gewalttätige Macht ausgeht. Die Behauptung eines „umgekehrten“ Rassismus (z.B. auch der „Inländerfeindlichkeitsdiskurs) ist eine Abwehrstrategie zur Machterhaltung und Abwehr von Kritik.

Innerhalb einer rassistisch strukturierten Gesellschaft kann es keine neutralen Positionen im Bezug auf Rassismus geben. Diese Tatsache wird selbst von linken, sogenannten antirassistischen Gruppen häufig übersehen oder ignoriert. 

Rassismus ist nicht auf die Intention Einzelner zu reduzieren. Er ist eine „gesellschaftliche und gesellschaftlich produzierte Erscheinung und eine gesellschaftlich vermittelte Handlungsbereitschaft, in der Macht- und Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck kommen“ (Mecheril,  194)

„Ethnie“ oder „Kultur“ werden als Ersatzbegriffe für „Rasse“ benutzt und funktionieren ähnlich. (vgl. Hall oder Balibar). „Weißsein„, „Deutschsein„, „der Westen“ sowie das hegemoniale Christentum basieren auf Konstruktionen von Gruppen „der Anderen“ die rassifiziert werden.

Aber der/die Einzelne soll sich nicht mit der Gesellschaft rausreden können. Rassismus ist „ein Phänomen, das von Individuen vermittelt und getragen wird“ (Mecheril, 194). Aus diesem Grund halten wir die Offenlegung von Positionierungen jedes/jeder Einzelnen für einen unumgänglichen politischen Akt, der die Grundlage für jeden antirassistischen Kampf sein muss.

Damit wollen wir sowohl untereinander, als auch nach außen einen multidimensionalen Diskurs eröffnen. Wir wollen trotz unterschiedlicher Positionierungen (was auch eine Herausforderung für uns darstellt) als Gruppe zusammenarbeiten und gemeinsame Ziele verfolgen – ohne damit einhergehende Machtverteilungen aus dem Blick zu verlieren.

Wir wenden uns gegen alle Arten von Rassismus!

Wir haben ein breites Rassismus-Konzept. Wir kritisieren ein ‚enges‘ Verständnis von Rassismus. Dabei würde in einer für weiße zweckdienlichen Teile – und – Herrsche – Art und Weise eine Gruppe ausgewählt und andere aus dem Rassismusverständnis ausgeschlossen. Rassismus nimmt verschiedene Formen an, die in spezifischen historischen Kontexten durch unterschiedliche Praktiken produziert wurden und werden. Dies bedeutet, dass Menschen in verschiedenen Kontexten unterschiedlich positioniert sein können. Rassismus ist zum einen mit kolonialistischen Diskursen und Praktiken verwoben, beschränkt sich aber nicht auf Kolonialrassismus. Kolonialistische Diskurse sind auch nicht unbedingt mit direkter Kolonialherrschaft verbunden. Eine Schwierigkeit besteht an dieser Stelle, den Aufzählungscharakter von verschiedenen Formen von Rassismus zu vermeiden. Dennoch müssen wir es provisorisch bei Beispielen belassen. Rassismus gegen Sinti und Roma * wird trotz seiner massiven Bedrohlichkeit oft unsichtbar gemacht. Antislavismus ist gerade in deutschen „Rasse“-Konstruktionen von Bedeutung. Orientalismus, kontemporärer antimuslimischer Rassismus und antiasiatischer Rassismus beziehen sich aufeinander, aber sind nicht miteinander identisch. Mit Rassismus gegen Migrant_innen sind nicht z.B. weiße Schwed_innen gemeint, wohl aber beziehen wir uns auf die sogennante „Gastarbeiter“ – Geschichte (Achtung: „Gastarbeiter“ = rassistischer Begriff). Antisemitismus wird oft aus Rassismusdefinitionen ausgeklammert wogegen wir uns wenden, auch nach 1945 ist Antisemitismus eine Realität. Des Weiteren ist es uns ein Anliegen den Zusammenhang zwischen verschiedenen Diskriminierungsformen zu berücksichtigen – etwa Rassismus und Sexismus oder Rassismus und Behinderungen – sodass sich auch intersektionell diskriminierte Menschen an den AK UniWatch wenden können.

Wir wollen Rassismus an der Uni bekämpfen!!!

Rassismus manifestiert sich im deutschen Universitätssystem bereits in den Strukturen. Nur ein kleiner Bruchteil der Professor_innen, Dozent_innen und wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen ist nicht weiß. Die Lehrinhalte sind geprägt von weißen Perspektiven und weißer Definitionsmacht. In den Lehrveranstaltungen und auf den Literaturlisten wird die Dominanz weißer Diskurse zelebriert und jedes Semester aufs Neue reproduziert, ohne diese Praxis zu thematisieren.

Die Universität ist eine Institution des weißen deutschen Systems, des rassistischen Systems. Hier wurden und werden rassistische Diskurse generiert, modifiziert und angepasst, reproduziert und gestützt.

Wir fordern:

– mehr POC und Schwarze Professor_innen an deutschen Universitäten,

– die volle Anerkennung von POC und Schwarzen Diskursen

– Thematisierung, Problematisierung  und Markierung von weißen Positionen, Diskursen und von Rassismus in allen wissenschaftlichen Disziplinen, sowie

– Abschaffung rassistischer und kolonialistischer Sprache in allen Lehrveranstaltungen und der wissenschaftlichen Literatur.

Unsere Strategie heißt: Intervention – Kommunikation – Dokumentation

Wir intervenieren dort, wo POC und Schwarze Stimmen unterdrückt werden, wo rassistische Vorfälle – oft gleichermaßen von Profs wie von Kommiliton_innen – nicht thematisiert oder gar diskutiert, sondern systematisch unsichtbar gemacht werden. Wir wollen dem Nicht-Gehörtwerden entgegenwirken und gegen das Gefühl des Alleine-damit-Dastehens da sein. Wir geben Impulse für eine Diskussion direkt am Ort des Vorfalls, im Seminarraum, und unterstützen unsere Kommiliton_innen mit scharfer Kritik und handfesten Argumenten. Einen Teil unserer Intervention soll die Awareness-Arbeit bilden, sowohl durch Informationen auf unserem Blog, als auch durch Workshops, in denen wir für Rassismus in akademischen Räumen sensibilisieren und Anregungen zur Kritik des Weißsein geben.

Wir dokumentieren rassistische Vorfälle auf unserem Blog und schaffen somit Transparenz über den rassistischen Alltag an deutschen Universitäten. Die Wahrung der Anonymität von denen, die uns Rassismus melden (sofern nicht ausdrücklich anders gewünscht) steht für uns dabei an erster Stelle. Einen wichtigen Schwerpunkt bei den Berichten über Rassismus an der Universität möchten wir auf die Perspektive von People of Color legen, deren Erfahrungen in weiß dominierten Räumen generell ignoriert werden. Der UniWatch Blog gibt damit auch Raum für die Artikulation all der Gefühle (Wut, Schmerz, Ohnmacht…) und Gedanken von POC, die bei der Konfrontation mit Rassismus entstehen. Im Bereich der Dokumentation von rassistischen Übergriffen kooperieren wir mit dem Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg und dem Braunen Mob e.V.

Wir kommunizieren untereinander, das heißt unter den Studierenden, und in die Öffentlichkeit über den Rassismus, den wir auf struktureller, diskursiver, alltäglicher oder sprachlicher Ebene erfahren bzw. beobachten oder von anderen gemeldet bekommen. Wir wollen auch mit den verantwortlichen Profs, Student_innen sowie mit den Fachbereichen und der Universitätsleitung über rassistische Vorfälle kommunizieren, um Stellungnahmen, Konsequenzen für die Aggressor_innen sowie neue Policies einzufordern, durch die die Verwirklichung rassismuskritischer Lehre auch auf dieser Ebene angegangen werden soll.

Wir freuen uns auf eure Meldungen, euer Feedback und eure Zusammenarbeit. Gemeinsam gegen Rassismus auch in universitären Räumen!

Euer AK UniWatch

* Das * steht hier auch dafür, dass es noch weitere Selbstbezeichnungen gibt