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Offener Brief zu rassistischen Vorfällen in einer Philosophie-Vorlesung der FU Berlin im Sommersemester 2014

1. Dezember 2014

Liebe Mitarbeiter_innen der FU Berlin,

wir, der AK Uniwatch, sind eine studentische antirassistische Gruppe, die sich gegen Rassismus an den Berliner Universitäten einsetzt und möchten Sie hiermit über die folgenden rassistischen Vorfälle an der FU Berlin in Kenntnis setzen und unsere Empörung darüber zum Ausdruck bringen.

Im Sommersemester 2014 kam es in einer Vorlesung des philosophischen Instituts der FU Berlin zu mehreren rassistischen Vorfällen, in Form der Benutzung rassistischer Sprache. In diesen Vorlesungen wurde von der weißen dozierenden Person mehrmals das N-Wort verwendet. Dieses Wort ist gewaltsam und traumatisierend (siehe Grada Kilomba) und hat einen direkten Bezug zu Kolonialismus und rassistischen Konstruktionen.

–––Das N-Wort ist eine hierarchische Zuschreibung, die rassistische Machtverhältnisse der Vergangenheit (und Gegenwart) aufzeigt. Es ist sehr eng verbunden mit weißen Konzepten und Bewertungen von Schwarzen Menschen (z.B. von „Primitivität“ und „Minderwertigkeit“). Schwarze Menschen und People of Color werden in der weißen Vorstellung dadurch als „die Anderen“ markiert. Sie werden zu einer Projektionsfläche, die dafür benutzt wird weiße Menschen als „normal“, „neutral“ und „objektiv“ zu konstituieren. In weißen akademischen Räumen ist die angebliche Wissenschaftlichkeit und Objektivität das oberste Gesetz – alles wird im Namen der Akademie erlaubt. Rassistische, sexistische, ableistische und klassistische Sprache wird benutzt sofern sie „akademisch“ belegt wird und die weiße Deutungsmacht dominiert: die weiße Akademie entscheidet was nutzbar ist und was nicht. Das führt zu einer Definitionsmacht und ist eine historische Strategie der Unterdrückung von marginalisierten Menschen und ein Zeichen für die hegemonialen Denkmuster der Universität. Sprache ist nicht getrennt von dieser Realität und fungiert als ein Repräsentationssystem (siehe Stuart Hall). Die Wiederholung von rassistischen Wörtern wie dem N-Wort im Namen der Akademie führt zu einer Naturalisierung und Normalisierung dieses Wortes, die Reproduktion wirkt wie eine Legitimation.–––

Von der dozierenden Person wurden außerdem Thesenpapiere veröffentlicht und den Studierenden als Lehrmaterial übermittelt, in denen rassistische Bezeichnungen und rassistische Sprechakte und „Witze“ reproduziert wurden. Anstatt sich kritisch mit verletzender Sprache auseinanderzusetzen, worum es vorgeblich in der Veranstaltung gehen sollte, wurden rassistische Inhalte wiederholt, normalisiert und deren verletzende Wirkung ignoriert und bewusst in Kauf genommen. Um die Wirkung und Macht von verletzenden Sprechakten zu thematisieren, sie kritisch zu betrachten oder auch philosophisch zu untersuchen ist es nicht notwendig gewaltsame Sprache zu reproduzieren, indem traumatisierende Wörter und Sätze ausgesprochen und ausgeschrieben werden. Außerdem ist es in diesem Zusammenhang unerlässlich die Positionierungen der sprechenden und angesprochenen Personen zu reflektieren. Dies ist in dieser Veranstaltung nicht geschehen, im Gegenteil wurde alltäglicher Rassismus in dieser Vorlesung nicht angemessen und informiert thematisiert, sondern, im Gegenteil ausgeübt und fortgeführt. Daraus ist ersichtlich, dass die Erkenntnisse der Rassismusforschung und der Kritischen Weißseinsforschung, die die wissenschaftlichen Grundlagen für eine Beschäftigung mit rassistischer Sprache bilden, der weißen dozierenden Person nicht bekannt sind und/oder keine selbstkritische Auseinandersetzung mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen durch die dozierende Person stattgefunden hat.

Kein Umgang mit Kritik und Abwehr von Verantwortung

Als antirassistische studentische Gruppe haben wir beschlossen auf die wiederholten Vorfälle zu reagieren und haben bei einer der Veranstaltungen Flyer an die Teilnehmer_innen der Vorlesung verteilt. Auf diesen Flyern haben wir die Verwendung des N-Worts durch weiße Personen als rassistisch benannt und unsere Kritik ausführlich erläutert (der Text des Flyers ist oben zwischen den Gedankenstrichen abgedruckt).

Anstatt sich mit unserer Kritik und Intervention konstruktiv auseinanderzusetzen haben die weiße dozierende Person ebenso wie die Mehrheit der anwesenden weißen Studierenden auf unsere Flyer-Aktion mit starker Abwehr und Aggressivität reagiert. Die weiße dozierende Person hat mit ihrem Verhalten klar signalisiert, dass sie die Definitionsmacht darüber beansprucht, wer welche Worte wie und zu welchem Zweck reproduzieren darf. Außerdem hat die dozierende Person versucht unsere Kritik als unbegründet und schlecht informiert darzustellen. Von einigen der anwesenden weißen Studierenden wurde uns vorgeworfen durch unsere Kritik selbst Rassismus auszuüben und Verleumdung und Hetze zu betreiben. Diese Behauptung beruht auf der unreflektierten Annahme Machtverhältnisse wie Rassismus könnten einfach umgekehrt werden und stellt, wie die aggressiven Reaktionen der anwesenden weißen Personen, eine weiße Abwehrstrategie dar, die typischerweise von Diskriminierenden benutzt wird um die eigenen diskriminierenden Handlungen und die Verantwortung dafür zu leugnen. Es gibt jedoch keinen umgekehrten Rassismus gegen weiße Personen, weil Rassismus auf hegemonialen Machtverhältnissen und einer seit Jahrhunderten andauernden Geschichte der systematischen Unterdrückung Schwarzer Menschen und People of Color beruht (siehe u.a. Toni Morrison).

Wir fordern, dass die Verwendung des N-Worts in den Lehrveranstaltungen des philosophischen Instituts der FU Berlin zukünftig unterbleibt.

Wir fordern außerdem, dass sowohl auf der Ebene einzelner Dozent_innen als auch auf der Ebene des philosophischen Institutes insgesamt, die notwendige Auseinandersetzung mit Kritischer Weißseinsforschung stattfindet, um rassistische Vorfälle wie diesen und die hier beschriebenen Abwehrreaktionen in Zukunft zu vermeiden.

 

AK Uniwatch

Dieser Offene Brief wird unterstützt von:

 

  • Adefra e.V. – Schwarze Frauen in Deutschland
  • Africavenir International
  • Afrika Zentrum e.V.
  • AFROTAK TV cyberNomads
  • Berlin Postkolonial e.V.
  • Frauenreferat des AStA FU
  • gLADT e.V.
  • LesBiTrans*InterA-Referat des AStA FU
  • LesMigraS – Lesbenberatung Berlin e.V.
  • Referat für Antifaschismus und Antirepression des AStA der Beuth-Hochschule
  • Fatima El-Tayeb
  • Lann Hornscheidt
  • Emily Ngubia Kuria
  • Alyosxa Tudor
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One Comment leave one →
  1. samadhi permalink
    5. Oktober 2015 8:40 am

    Hilflosigkeit in mehreren oben angezeigten faellen ..ohne moeglichkeit den machtmechanismus zu stoppen entsteht ..absolute nicht anerkennung der persoenlichkeit..selbstwerdefizit und unfaehigkeit respektvolle distanz einzunehmen .
    Unvorhandensein von akzeptanz des andren in sozial ungemischten regionen ..gewalteinfluss ohne achtung der eunfachsten menschenrechte .

    Widerlichste sexuelle und psychisch unajzeptable zustaende . Kulturbedingt jedoch nicht akzeptabel weil wissentlich durchgefuehrt .

    Stellenkontaktiert bisher unerfolgreich .
    ..ohne erfolg

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