Bisher dokumentierte Vorfälle, Dokumentation

Mai/Juni 2011 – Uni Potsdam

UniWatch – Gegen Rassismus in Unseren Räumen!

 

Dokumentation rassistischer Vorfälle

 

 

Datum: 31.05.2011/01.06.2011

 

Uni: Potsdam

 

Studiengang: Politik & Verwaltung

 

Kurs: —

 

Dozent_in:  —

 

*gemeldet von (politische Positionierung, z.B. POC, Schwarz, weiß, …): POC

 

 

 

1. Darstellung des Vorfalles

 

*Was ist passiert?

In einem verwaltungswissenschaftlichem Text kamen rassistische/ kulturalistische Konzepte vor. Daraufhin habe ich den Dozenten vor der Sitzung angeschrieben.

 

Hast du dich dazu geäußert?

Ja – ich habe folgende E-Mail verfasst:

—–Ursprüngliche Nachricht—–

Von: XX

Gesendet: Mittwoch, 25. Mai 2011 17:09

An: XX

Betreff: 2 Anmerkungen zum Text

Hallo Herr XX!

Nachdem ich Ihnen nun mein Exzerpt geschickt habe, hätte ich noch 2 Anmerkungen zu besagtem Text „Politische Führung in der Kanzlerdemokratie: die Bundesrepublik Deutschland“ (Henrik Gast, 2010).

Auf S. 110 werden gleich 2 problematische Begriffe benutzt.

In dem Abschnitt wo es um die äußere Erscheinung von Bundeskanzler_innen geht wird folgendes gesagt:

“Bei Adenauer haben seine gerade Haltung, seine Körpergröße und sein “an einen Indianer gemahnende[r] Gesichtsausdruck” – wie Franz Josef Strauß (1989:414) in seinen Erinnerungen festhält “ Respekt eingeflößt.”

Der Begriffs >Indianer< (folgend nur noch I-Wort um eine Reproduktion zu vermeiden) ist stark rassistisch konnotiert und als solcher abzulehnen.

Hierzu einige Gedanken:

Das I-Wort, von Anfang an einer Verwechslung Kolumbus‘ geschuldet, ist eine europäische Fremdbezeichnung, welcher die ersten Bewohner_innen des amerikanischen Kontinents in einem homogenisierendem Begriff zu subsumieren sucht. Nicht nur werden so indivuduelle und spezifische Gruppen pauschal homogenisiert sondern gleichzeitig entsteht hier ein Moment der Degradierung und Verzerrung tatsächlicher geschichtlicher Vorkommnisse.

Das I-Wort (auch mit der spanisch- bzw. portugiesisch- oder englischssprachigen Variante) steht für einen “Untermenschenstatus” welche die ersten Bewohner_innen der Amerikas von den Europäer_innen zugeschrieben bekommen haben. Er geht einher mit rassistisch-erniedrigenden Zuschreibungen wie “primitiv”, “unwürdig”, “schmutzig”, “tierähnlich”. Bezüglich der Kolonialgeschichte ist eine solche Fremdzuschreibung erniedrigend und schmerzhaft. Der Moment des Trauma widerholt sich jedes Mal beim Lesen oder Hören dieses Wortes – eine Reihe von (neo-)kolonialen Bildern spielen sich ab.

Im deutschen Kontext wird das I-Wort als Terminologie für ein weißes Fantasiekonstrukt benutzt. Sie gilt der RePräsentation einer Projektionsfläche, welche vor allem durch Romane, Westernfilme und leider auch Wörterbucheinträgen (vgl. aktueller Duden/ Brockhaus/Wahrig) geprägt wurde. Die Europäische Vorstellung geht einher mit einer Exotisierung (z.B. “mutiger Reiter”) und gleichzeitigen Dämonisierung (z.B. blutrünstige Skalpierung) einher – was für rassistische Konstrukte gewöhnlich ist. Der Duden 2007 zeigt weiter I-Geheul, I-Zelt, I-Spiel auf, d.h. hier  wird auf in Deutschland existierende Fantasien nicht real existierender Gruppen verwiesen. I.s gibt es nicht, genauso wenig wie den I.-Stamm etc. Dieses Konstrukt geht einher mit biologistischen >Rasse<vorstellung und sogar der Duden beschreibt bestimmte Haarcharakteristika (“glänzend schwarz”) und bestimmte “Hautfarben” (?rötlich brauner bis gelblicher Haut?) als spezifisch für diese imaginäre Gruppe.

Die teilweise Romantisierung und Projektion geht einher mit einem gewalttätigem und wirkungsmächtigem Unterdrückungsbegriff der ähnlich wie das N.-Wort tiefe Wunden hinterlassen hat und immer noch hinterlässt.

Ob bestimmte Gruppen das I.-Wort heute durch eine kollektive Aneignung als Eigenbezeichnung verwenden ist hier nebensächlich, da sich nicht in diesem Kollektiv befindende Menschen nicht einer solchen Begrifflichkeit bedienen dürfen. So würde der emanzipatorische Moment sofort verschwinden. Dass dieser rassistische Begriff nun in einem verwaltungswissenschaftlichen Text zur Beschreibung eines Bundeskanzlers zitiert wird ist stark beschämend.

Weiter wird geschrieben:

“Bei Helmut Schmidt haben seine harte Mimik, sein strenger Haarscheitel und seine gerade Haltung seine disziplin und sein preißisches Pflichtethos auch nach außen unterstrichen.”

Hier würde ich gerne die Frage nach dem “preußischen Pflichtethos” stellen. Ein Satz zuvor wurde eine rassistische Zuschreibung verwendet und nun wird weiter kulturalistisch von einem anscheinend angeborenen “Pflichtethos” gesprochen. Statt Stereotype zu dekonstruieren warden hier kulturalistische Zuschreibungen ReProduziert und verfestigt.

Rassismus ist ein machtvoller Mechanismus der in der Universität durch z.B. Personalpolitiken und Lehrinhalte ReProduziert wird. Mittlerweile gibt es genügend kritische Gruppen die sich mit diesem Thema auseinandersetzten. Z.B. hat sich eine Gruppe von Studierenden unter dem Namen AK UniWatch zum Ziel gemacht Rassismus an der Universität offensiv und direkt zu bekämpfen (https://akuniwatch.wordpress.com/).

An der Uni Potsdam hat sich vor über einem Jahr eine Gruppe von Studierenden zusammengefunden, die, zusammen mit Berliner Studis, rund um die Themen “Migration” und “Rassismus” arbeitet. Momentan findet jeden 2ten Mittwoch um 18h die Veranstaltungsreihe “Postkolonialismus, Rassismus, Kritisches weißSein” in Griebnitzsee statt (http://reclaimsociety.wordpress.com/veranstaltungen/).

Ich würde mich freuen wenn Sie diese problematischen Konzepte im Seminar ansprechen würden und Herrn XX ebenfalls darauf aufmerksam machen. Eine Notiz zur Problematik (und auch warum) von Begriffen in Texten wäre für die Zukunft denkbar.

Mit freundlichen Grüßen,

XX

Literatur

Adibeli Nduka-Agwu/Antje Lann Hornscheidt (Hrsg.) (2010):

Rassismus auf gut Deutsch – Ein kritisches Nachschlagewerk zu

rassistischen Sprachhandlungen, Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt

am Main, S. 140-145 (>Indianer_in<).

 

Welche Reaktionen hast du dazu erhalten?

Der Dozent hat fast bis zum Ende der Sitzung absolut nichts zum Text gesagt und dann aus dem Kontext gerissen eine knappe (viell. 3 Min.) Diskussion zum besagtem Text initiiert. Hier haben sich dann die weißen Studierenden (der Kurs ist außer mir absolut weiß) über den „unwissenschaftlichem Stil“ im Text beschwert. Daraufhin hat der Dozent mich angeguckt und gesagt (direktes Zitat): „Seien Sie etwas kritisch was die Texte angeht und glauben Sie nicht alles was dort drinsteht.“ Und dann direkt und etwas leiser zu mir (ich saß in der ersten Reihen): „Das ist ja auch das was Sie meinten.“ Ichhabe nur ungläubig geguckt und dann wurden wir „entlassen“. Der Kurs war zu Ende.

 

Folgende E-Mail kam dann nach dem Seminar noch dazu:

Quoting Dozent XX

Liebe Frau XX,

ich hatte den Text ja schon in der letzten Sitzung angesprochen,  wir   haben das Thema  und den Text auch auf unserer  Lehrstuhlsitzung   besprochen. Wir werden uns für die  Zukunft um  einen anderen Text zum   Thema bemühen.

Da der Autor häufig zitiert, sollten Sie aber aufpassen was Sie ihm unterstellen. Die Zitate stellen auch ein wissenschaftliches  Mittel   dar, ob dieses hier glücklich  eingesetzt ist, ist  natürlich eine   andere Frage. Um seine Intentionen zu erfahren, sollten Sie den   Autoren vielleicht direkt anschreiben und Ihre  Kritikpunkte mitteilen.

Grüße

XX

 

Wie hast du dich dabei gefühlt?

 

Ich habe mich beim Lesen des Textes sehr aufgeregt, beim Schreiben der E-Mail mich sehr gut gefühlt und dann im Seminar total verarscht.

 

Was ist danach passiert?

 

Ich habe folgendes zurückgeschickt:

 

—– Weitergeleitete Nachricht von XX—–

Von: XX

Antwort an: XX

Betreff: Re: AW: 2 Anmerkungen zum Text

An: XX

Hallo Herr XX,

vielen Dank für Ihre Antwort. Ich werde den Autor versuchen persönlich anzuschreiben und begrüße es, dass Sie – der Lehrstuhl – für kommende Seminare erwägen einen anderen Text zu verwenden.

Mit herzlichen Grüßen,

XX

 

 

2. Konsequenzen des Vorfalles

 

Ist es zu einer Intervention gekommen?

 

Ich habe die besagte E-Mail geschrieben.

 

Wie ist diese verlaufen?

 

Ist abzuwarten ob der Lehrstuhl Verwaltung und Public Policy den Text in Zukunft weiter benutzt.

 

 

 

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