Bisher dokumentierte Vorfälle, Dokumentation

Oktober 2010 – FU Berlin

UniWatch – Gegen Rassismus in Unseren Räumen!

Dokumentation rassistischer Vorfälle

Datum: Oktober 2010

Uni: Freie Universität Berlin

Studiengang: Politikwissenschaft

Kurs: —

Dozent_in: —

*gemeldet von (politische Positionierung, z.B. POC, Schwarz, weiß, …): weiß

1. Darstellung des Vorfalles

*Was ist passiert?

wir haben über bourdieus habitusbegriff (von wegen die sicht eines jeden menschen ist von seiner herkunft bestimmt, class, race, gender etc) und über selbstreflektion geredet (besonders menschen in der wissenschaft müssen ihre position reflektieren, während sie forschen und wissen produzieren). um den begriff „doxa“, der das gegenteil von der selbstreflektion ist, zu erläutern, sollten wir beispiele nennen. dinge, die unreflektiert als „naturgegeben“ in der gesellschaft angenommen sind. da hat eine person sich gemeldet und political correctness gesagt. daraufhin hat ulla angefangen von missouri zu reden und dass es dort UNMÖGLICH sei das n-wort zu sagen (natürlich ausformuliert) und dass das ja hier in deutschland noch etwas anders sei, aber auch nicht zum guten politischen ton gehöre.

Hast du dich dazu geäußert?

Ich konnte im Seminar selbst vor 40 Personen mich nicht äußern, ich musste mich erst mal sammeln. Ich habe ihr eine Email geschrieben:

Sehr geehrte Frau —,

ich habe das Seminar heute mit Wut und Enttäuschung verlassen. Da es mir zu
schwer gefallen wäre vor den 40 Menschen im Raum zu sprechen, habe ich mich
entschieden Ihnen eine Email zu schreiben, hoffe jedoch, dass Sie Stellung
beziehen und ggf. diesen Vorfall in dem Kurs ansprechen. Meiner Meinung
nach, ohne Bourdieu gelesen zu haben, geht es in der Diskussion um
Selbstreflexion auch um die Auseinandersetzung mit der eigenen *race* und
der damit vorbundenen Privilegien bzw. dadurch vorbehaltene Privilegien. Als
heute über *political correctness *als Teil von der Doxa gesprochen wurde
und Sie das Beispiel von Ihren Erfahrungen in Missisippi erzählt haben,
wurde mir und hoffentlich anderen Student_innen, der Atem geraubt. Es gibt
genug Auseinandersetzungen über das N-Wort im deutschsprachigen Raum, aber
anscheinend ist es noch nicht wirklich verbreitet, dass die Communities, die
mit diesem Wort beschimpft und beleidigt werden – die übrings zu den
Menschen gehören, deren Stimmen nicht gehört werden – sich gegen den
Gebrauch des Wortes aussprechen, sei es tatsächlich als Schimpfwort gemeint,
als Witz, oder auch nur als Referenz zu etwas, was in einem anderen Kontext
womöglich von einer anderen Person gesagt wurde. Es ist ein Akt der Gewalt
als weisse Person das Wort auszusprechen, egal in welchem Zusammenhang. Hier
können Sie die Stimmen Schwarzer Personen nachlesen:
http://www.derbraunemob.de/deutsch/index.htm . Ich finde, dass die
Definitionsmacht bei den „Betroffenen“ liegen soll ( was nicht heisst, dass
ich mich nicht selbst sehr „betroffen“ von der deutschen und europäischen
Kolonialgeschichte fühle) . Außerdem fand ich die Bemerkung sehr
unangebracht, es wäre in Amerika UNMÖGLICH das N-Wort auszusprechen, in
Deutschland wäre es ja noch anders. Es ist hier genauso unmöglich, nur
reagieren leider viel zu wenige Menschen auf rassistische Äußerrungen und
versuchen sie eher schön zu reden und zu verharmlosen.

Bis nächste Woche im Seminar,

ein_e enttäuschte_r Student_in


Welche Reaktionen hast du dazu erhalten?

Sie hat mir eine Email zurück geschrieben:

Liebe Frau …,

ich finde es gut, dass Sie Ihren Ärger und Ihre Enttäuschung – wie Sie schreiben – sofort formuliert und mitgeteilt habe.

Sie schreiben, es sei „ein Akt der Gewalt“, wenn eine weisse Person das „N-Wort“ ausspreche. Ich habe ganz offensichtlich das Problem, auf das ich aufmerksam machen wollte, nicht deutlich machen können.

Dass in Deutschland Schwarze diskriminiert werden und es schwerer haben als Weiße, in dieser Gesellschaft eine Position zu finden, ist ein Faktum. Dieses Problem ist in den USA um Vieles brisanter. Insbesondere in Missouri, dem ärmsten Staat der USA, wo die schwarze Bevölkerung in der Überzahl ist, gibt es bittere Anklagen an den Staat. In New Orleans, wo 2005 der fruchtbare Hurricane Katrina wütete, hat die schwarze Bevölkerung erleben müssen, dass die Hilfsaktionen spät, für einige zu spät kamen und auch nicht ausreichen, um alles Zerstörte wieder aufzubauen. In Kalifornien oder an der Ostküste des Landes wäre das vermutlich anders gelaufen.

Wir hier Deutschland haben vielmehr das Problem mit unseren Mitbürgern, die einen „Migrationshintergrund“ haben. Sagen wir korrekterweise „Migrationshintergrund“? Auch das ist ein Wort, das vielleicht irgendwann zu einem Un-Wort geworden sein wird. Der bekannte Schriftsteller Feridum Zaimoglu sagte kürzlich. Migrationshintergrund sei für ihn ein „hässliches“ Wort, eine „Kopfgeburt“ aus dem Soziologieseminar. Er würde sagen: „Fremddeutscher“ oder Ethnodeutscher“. Feridum Zaimoglu ist heute 45 Jahre alt. Er kam als Baby mit seinen türkischen Eltern aus Anatolien nach Deutschland. Er liebt Deutschland und fühlt sich als Deutscher. Und genau aus diesem Grunde habe ich ein „ungutes“ Gefühl mit dem Wort „Fremddeutscher“, wie er sich selbst benennt. Warum ist ein Mensch, der hier aufgewachsen ist, der die gesellschaftlichen Spielregeln akzeptiert und Deutschland als seine Heimat empfindet, ein „Fremder“ unter uns?

Ich glaube, dass es ein sehr schwieriges Feld ist, das der Political Correctness, und dass die Probleme, die dahinter stecken, auf keinen Fall „nur“ eine Frage der Sprache und Rhetorik sind und auch nicht allein über eine korrekte Sprache gelöst werden. Die „Putzfrauen“, die in unserer Uni jeden Morgen unsere Toiletten und Flure reinigen haben dadurch, dass wir sie korrekt Reinigungskräfte nennen, keine besseren Arbeitsbedingungen, und sie erfahren dadurch auch nicht mehr Anerkennung, gar mehr Respekt ….

Gleichwohl – Sie haben Recht, Sprache ist ein Ausweis unseres Denkens und korrespondiert mit unserem Handeln. Sie ist ein Aspekt unserer sozialen Kompetenz. Aber manchmal ist eine korrekte Sprache auch geeignet, Konflikten aus dem Weg zu gehen und die realen Probleme nicht „anzufassen“. Auch das sollte unserer Aufmerksamkeit nicht entgehen.

Mit freundlichen Grüßen
—-
PS Sie haben geschrieben, dass Sie dies im Seminar gerne angesprochen haben möchten; sind Sie einverstanden, wenn ich diese unsere Korrespondenz allen Kommilitonen/innen per Mail zukommen lasse?

Ich habe ihr geantwortet.


Wie hast du dich dabei gefühlt?

Es hat mich eine Woche lang extrem belastet. Ich wahr sehr glücklich, dass ich nicht allein war, sondern aus meinem AK und meinem Umfeld Menschen hatte, die mich unterstützt und bestätigt haben, das Richtige zu tun. Ich war vor allem traurig, dass in der Uni es nicht als selbstverständlich gilt, dass gewisse Sachen nicht gesagt werden, das viele Menschen sich keine Gedanken machen.

Was ist danach passiert?

Danach gab es eine 90 minütige Diskussion im Rahmen des nächsten Seminars zu rassistischem Sprachgebrauch. Es waren nicht wenige Menschen in dem Seminar, die meine Meinung geteilt haben und mit diskutiert haben. Es gab auch Äußerungen wie z.B.: „Ich fühle mich von eurem PC-Gehabe unterdrückt, ich will mich so äußern können wie ich will. Eure Diskussion ist total albern.“

Advertisements

1 thought on “Oktober 2010 – FU Berlin”

  1. The answer to the first complain seems to have come from the lecturer. However he/she has mixed up two different categories, ie, N-Word and Migrationshintergrund. I dont want to go into the details of the differences. However, a more appropriate analogy (N-Word) in German would be „Kanacke“ for so defined Menschen mit migrationshintergrund. In course of our developement through social sturggle we learn to drop quite few expressions and pick up new ones. In Canada they dont use the term „Indian“ any more, instead they use First Nation; in Britain they dont use the term „Paki“ because it a racist insult; we find it obnoxious to use the word „schwuchtel“ for homosexuals.
    Hence, I would rather be a politically correct person tha a proud politically incorrect „arsehole“
    Hope our fight for equality and dignity goes on. A merry Christmas for all christian friends.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s