Bisher dokumentierte Vorfälle, Dokumentation

Mai 2009 – FU Berlin

UniWatch – Gegen Rassismus in Unseren Räumen!

Dokumentation eines rassistischen Vorfalls

Datum des Vorfalls: 20. Mai 2009

Uni: Freie Universität Berlin

* gemeldet von (politische Positionierung): Studentin of Color

1. Darstellung des Vorfalles

*Was ist passiert?

Der weiße Professor benutzte während seiner Vorlesung über Äthiopien das N-Wort für Schwarze, nicht etwa als Zitat sondern explizit als Bezeichnung.

Hast du dich dazu geäußert?

Ja. Ich habe den Prof zur Sicherheit gefragt, ob er gerade wirklich „N.“ gesagt habe, mehr rhetorisch. Ich sagte dann: „Das können sie doch nicht machen“ und erklärte, dass es sich hier um einen rassistischen Begriff handele. Nach einer kurzen Diskussion mit wenigen Beteiligten verließ ich demonstrativ den Vorlesungsraum.

Welche Reaktionen hast du dazu erhalten?

Der Prof zeigte sich auf meine kritische Wortmeldung hin verwundert, er erschrak sichtlich, dass jemand sein Fehlverhalten offen anprangerte. Nach einem ersten Versuch, das Gesagte abzustreiten, bekannte er sich doch dazu, indem er behauptete, man habe eben N. „lange Zeit“ neutral gebraucht. Es sei doch auch in „Négritude“ enthalten. Ein weißer Kommilitone, zwei Reihen hinter mir sitzend, warf laut und mit zynischem Ton ein: „Hey, die Schwarzen in Amerika sagen doch auch Nigger“. Darauf bezog der Prof keine Stellung, machte stattdessen sogleich weiter mit seiner Vorlesung, als sei nichts gewesen und als gäbe es der Diskussion nichts mehr hinzuzufügen. Der Rest der StudentInnen im Raum äußerte sich überhaupt nicht zu dem Vorfall, auch nicht zu der rassistischen Bemerkung des weißen Kommilitonen.

Wie hast du dich dabei gefühlt?

Ich war zuerst einfach nur geschockt, dass das gerade wirklich passiert war, wollte es im ersten Moment nicht wahrhaben. Wie konnte der Prof dieses schreckliche, rassistische Wort nur in den Mund nehmen, noch dazu in einem vollen (ca. 100 Studis) Vorlesungsraum und in einem Studiengang, der sich mit Kulturen zu beschäftigen vorgibt? Dann, nach der Gewissheit, stieg unglaubliche Wut in mir auf, die sich angesichts der ausbleibenden Solidarisierung meiner KommilitonInnen mit Ohnmachtsgefühlen vermischte. Man ließ mich die Diskussion allein austragen und drückte damit, gewollt oder ungewollt, einen stillen Konsens aus mit dem weißen Professor und dem weißen Kommilitonen. Niemand außer mir schien sich aufzuregen an dem rassistischen Wort „N.“. Deshalb fühlte ich mich nicht imstande, weiter zu diskutieren und musste mich schnell von diesem Ort entfernen. Ich verließ den Vorlesungsraum, auch um meinem Protest deutlicher als mit Worten Ausdruck zu verleihen. Denn gehört wurde ich hier nicht. Draußen wurde mir fast schwindlig, mein Herz raste und meine Hände zitterten.

Was ist danach passiert?

Ich verfasste eine E-Mail, in der ich den Vorfall darstellte und mich kritisch dazu positionierte. Diese schickte ich an den weißen Professor, diverse Fachbereiche, Verteiler an der FU, den AStA u.a. Darin forderte ich den Prof auf, eine öffentliche Stellungnahme zu dem Vorfall zu schreiben, was noch am selben Tag geschah, jedoch weder eine Entschuldigung noch Einsicht in den rassistischen Gehalt des N-Wortes beinhaltete. Außerdem beantragte ich eine Befreiung von der Anwesenheitspflicht, die abgelehnt wurde, bevor es zum eigentlichen Antrag kam. Der akademische Senat würde zu lange brauchen, um darüber zu entscheiden. Als weitere wichtige Forderung enthielt meine Protestmail die Organisation einer Veranstaltung durch den Fachbereich. Auch diese wurde nie in Angriff genommen.

Ich erhielt zahlreiches Feedback und Solidarisierungsbekundungen durch StudentInnen, diverse Vereinigungen und auch zwei Professorinnen. Mehrere StudentInnen positionierten sich außerdem selbst per E-Mail öffentlich kritisch zu dem rassistischen Vorfall.

Der AStA der FU schrieb eine Presseerklärung zu dem Vorfall und veröffentlichte diese.

Das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin (ADNB) erfuhr über die Weiterleitung meiner Mail durch eine Studentin von dem Vorfall und meldete sich telefonisch bei mir. Da bereits eine Solidarisierung durch den AStA stattgefunden hatte und wir in der Uni selbst Schritte für den weiteren Widerstand und eine kritische Diskussion eingeleitet hatten, wurde kein Beschwerdebrief aufgesetzt.

Der Fachbereich XX distanzierte sich intern von dem Vorfall. Erst auf wiederholte Forderung wurde ein Statement auf der Internetseite des Fachbereiches ein Statement veröffentlicht, das sehr allgemein gehalten war und nicht Bezug nahm auf den eigentlichen Vorfall.

Grada Kilomba analysierte den Vorfall in ihrem Seminar „Black Skin, White Masks“, und leitete meine Mail an ihre StudentInnen weiter. Einige von ihnen meldeten sich bei per E-Mail, um sich mit mir solidarisch zu verbünden. Aus diesem Kontakt entstand später der Arbeitskreis UniWatch – Gegen Rassismus in Unseren Räumen.

2. Konsequenzen des Vorfalles

Ist es zu einer Intervention im Seminarraum gekommen?

Gemeinsam mit dem KomRef und dem „Ausländerinnen“Ref wurde eine Diskussion in der nächsten Sitzung nach dem Vorfall angeregt. Ich wollte noch einmal ausführlich erklären, dass das N-Wort aufgrund seiner rassistisch-kolonialen Konnotation nicht benutzt werden dürfe. Wir hatten Texte von Susan Arndt und Grada Kilomba ausgedruckt und mitgebracht, die wir an die KommilitonInnen verteilten.

Wie ist diese verlaufen?

Durch die permanenten Zwischenrufe durch MitarbeiterInnen des Professors und einige seiner (Promotions-)Studentinnen, die extra zu diesem Anlass gekommen waren, sowie die ablehnenden Meldungen von diversen TeilnehmerInnen der Vorlesung, von „ihr führt euch selber autoritär auf“, „wir wollen unsere Vorlesung und nicht diskutieren“ bis hin zum expliziten „Verpisst euch“, kam es zu keiner echten Diskussion. Uns wurde klar gemacht, dass unsere Intervention nicht erwünscht war, so dass wir den Vorlesungsraum verließen.

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